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Das Verdauungsmärchen

Wachet auf, ihr inneren Organe, das Frühstück kommt!
 Das Auge nimmt es zuerst wahr. Auf dem Frühstücksholzbrettchen liegen 2 Scheiben Weizentoastbrot, dessen helles Auszugsmehl von der Hitze des Toasters gebräunt wurde.
Die Hand ergreift das Messer und bestreicht die noch fast heissen Scheiben mit der minderwertigen Halbfettmargarine, die zu fast 50 % aus gehärtetem Fett besteht. Während sich das Fett den Weg durch die noch immer warmen Brotporen sucht, um dann kleine Fettflecke auf dem Holzbrett zu hinterlassen, schwingt sich bereits die stark zucker- und schwach fruchthaltige Marmelade auf das glitschige, fette Toastbrot.
Nun führt die Hand das Brot zum Mund und die linke Ecke des Toastbrotes verschwindet zwischen den 26 noch verbliebenen, teils überkronten und wurzelbehandelten Zähnen, um von ihnen so gut es noch geht, zerkleinert zu werden.
Das Auge erblickt die Uhr und Eile beim Kauen ist geboten, denn vor der Arbeit müssen schliesslich noch die Betten gemacht werden, die Wäsche muss aufgehängt werden und ... und ... und.... Die fast unzerkauten Brocken, die keine Chance hatten, von der Speicheldrüse mit den ersten wichtigen Enzymen und Alphaamylasen versetzt zu werden, stürzen die Speiseröhre hinab und wecken mit einem Ruck den Magen. Entsetzt starrt dieser auf die riesigen Stücke und beginnt sofort mit seiner unermüdlichen Arbeit. Zunächst weckt er die Bauchspeicheldrüse. „He, aufwachen, du bekommst jede Menge Arbeit, das Toastbrot ist wieder an den Speicheldrüsen vorbeigerauscht, wie jeden Morgen. Komm, fang an!“
„Toastbrot“, sagt die Bauchspeicheldrüse und weckt die Leber auf. Müde reckt sich die Leber. „Was muss ich denn nun schon wieder tun?“ „Die Konservierungsstoffe vom Toastbrot musst du aufnehmen.“ „Nö,“ sagt die Leber trotzig, „ich hab’ noch genug von der ½ Flasche Wein und der Tüte Chips von gestern abend, was meinst du, wie viel Chemie in den Chips war, das musste ich alles verarbeiten. Na ja, und der Wein hat mich fertig gemacht. Und jetzt schon wieder Toastbrot.“ „Maul nicht rum, wir haben bei dieser ungesunden Ernährung ja alle viel zu tun und wenn wir zusammenhalten, dann schaffen wir es zumindest so lange, bis die Galle mit Steinen schmeisst.“ Und schon fängt die Bauchspeicheldrüse an, die erforderlichen Verdauungssäfte zu produzieren, schiebt die Schadstoffe aus der Nahrung der Leber zu und beide arbeiten zusammen mit dem Magen Hand in Hand. Dieses Rumpeln und Poltern kriegt der Dünndarm mit. Er wartet und wartet, schon seit 4 Uhr in der Früh ist er bereit, den Verdauungsvorgang einzuleiten. Vorsichtig streckt er seinen Kopf zum Zwölffingerdarm und erkundigt sich, ob er denn auch noch mal etwas zu tun bekäme. Alle schauen sich ratlos an. „Nö“, sagt die kesse Galle, die eigentlich darauf wartet, mit Ihrem „Saft“ die grossen Fettklümpchen zu zerkleinern, damit diese dann im Dünndarm von evtl. vorhandenen Ballaststoffen abtransportiert werden.
„Für dich gibt es wieder mal nichts zu tun, denn von einer Scheibe Toastbrot bleibt nur ein Fingerhut voll für den Darm übrig. Aber frag doch mal den Magenpförtner, vielleicht sieht er noch etwas Vernünftiges ankommen.“ Wie unangenehm, der Blick nach oben beschert dem Magenpförtner eine Ladung heissen übersäuerten Kaffe im Gesicht, womit er sich dann anschliessend mit einem kräftigen Sodbrennen rächt. Indes ertönt die Alarmsirene aus dem Dünndarm. Da hat es doch wieder einmal der weisse Zucker aus der Marmelade geschafft, die wenigen Vitamine, die in dem Frühstück waren, zu fressen. Beinah hätten die rettenden Arme des Stoffwechsels die wertvollen Vitamine, die das Immunsystem so dringend benötigt, zu fassen bekommen, aber der gemeine weisse Zucker war schneller.
„Wart’s nur ab, lange bleibst du sowieso nicht am Leben“, rufen alle erbost dem weissen Zucker zu, „denn noch ehe es morgen wird, wirst auch du in eine hauchdünne Fettschicht verwandelt und an die Innenwände der Blutgefässe geklebt. Und dann kannst du sehen, wie du mit den Nikotinablagerungen und dem Ansteigen des Blutdruckes fertig wirst. Ja das kommt davon, wenn man Vitamine zerstört.“ „Ok“, sagt der Darm 2 Stunden später, „wenn dann nichts Verdaubares kommt, dann sende ich eben Heisshungersignale nach oben. Hoffentlich kommen dann nicht wieder diese ekeligen Gummibären, sondern Himbeeren.“ Wenig später rufen die Überbleibsel der beiden Scheiben Toastbrot vom Frühstück: „Platz da, wir kommen jetzt zum Dickdarm, wir wollen doch nicht immer in diesem Körper bleiben!“
 „Nun mal langsam“, sagt der seit Jahren träge Dickdarm, der so gern an ballaststoffreiche Zeiten zurückdenkt. „Nur nicht drängeln und schön hinten anschliessen, wir dürfen zuerst raus“, rufen die Toastbrotscheiben von gestern, vorgestern und vorvorgestern .........